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Tiki-Drinks – Cocktails für das Volk

nahtloses-luau-tiki-muster-thumb3467726 Tiki-Drinks sind im Augenblick in aller Munde und entwickeln sich auch in der Gesellschaft der Profi-Bartender erneut zum Trend. Doch was ist Tiki, wo kommt Tiki her?

Zuerst zum Ursprung, wie es zu diesem Artikel gekommen ist.
Ich arbeite als Bartender im Massengeschäft und frage ich dort, was die Menschen sich unter einem Cocktail vorstellen, was ihnen beim Wort “Cocktail” als erstes einfällt, kommen oft dieselben Antworten. Hier eine kleine Rangliste:

  1. Schirmchen-Deko
  2. Fruchtdeko
  3. Trinkhalm (Tribut an Herrn Meinke, ich wollte erst Strohhalm schreiben und Strohhalm sagten auch die meisten)
  4. geschwungene, große Gläser

Es packte mich die Neugier, woher diese Ansammlung von eigentlich aus meiner Sicht cocktail-untypische Worten mit eben Cocktails assoziiert werden. Nach einiger Suche und Recherche, in der ich sehr tatkräftig von Jürgen Wilms unterstützt worden bin, kam ich auf die Quelle dieser Rangliste: Tiki-Drinks

Was ist denn überhaupt Tiki?
Tiki stammt aus dem polynesischen und hat als Wortstamm das Wort “TIK”. Dieses Wort ist in vielen Sprachen noch heute enthalten und gilt unter Sprachwissenschaftlern als ein “Urwort” aus dem sich viele heutige Worte abgeleitet haben: beispielsweise das Wort “digit” (Finger) im englischen, aber auch “dick” (UGS Schwanz).
Im polynesischen hat das Wort Tiki mehrere Bedeutungen: zum einen ist es der Name des ersten Mannes, dieser Ur-Adam ist zusammen mit der zweiten Bedeutung, nämlich der Name des Gottes der Künstler, Grundlage der typischen Tiki-Figuren. Eine dritte Bedeutung ist dann auch Tiki als phallisches Symbol, als Zeichen der Fruchtbarkeit.

Aber wie kam Tiki dann in Verbindung mit den heute bekannten Drinks?
Der Bekanntheitsgrad der Tiki-Drinks steigt expontiell mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Hier kamen sehr viel westliche Krieger wieder in die Heimat und brachten die in der Südsee gelebte Kultur mit nach Hause. Aussiedler wie Trader Vic und vorher Don The Beachcomber hatten eben die Tiki-Kultur bereits für sich entdeckt, allerdings nicht als forcierter Exportschlager. Die Zeit der beiden wird in der amerikanischen Kunstgeschichte eher als Prä-Tiki eingestuft. Dennoch gelten sie für die Tiki-Drinks mit als Urväter.

Don The Beachcomber? Trader Vic? Prä-Tiki?
Ernest Raymond Beaumont Gantt, der Geburtsname von Don The Beachcomber, erblickte in New Orleans im Jahre 1907 das Licht der Welt. Er verließ früh das Elternhaus und bereiste die Welt. Vor allem die Karibik und der Südpazifik hatten es ihm angetan. 1931 strandete er in Hollywood und schlug sich zunächst mit Gelegenheitsjobs durch, der wohl lukrativste Job war der des Spirituosen-Schmugglers (Bootlegger) während der amerikanischen Prohibition (bis 1933). Kurze Zeit nach Beendigung der Prohibition durch Präsident Roosevelt (“Was Amerika jetzt braucht ist ein Drink”) eröffnete Don auf dem Hollywood Boulevard seine erste Bar. Seine erste Bar staffierte er mit allerlei Mitbringsel aus dem Pazifik aus und schon bald wurde er Magnet für Größen wie Charles Chaplin, die bei Don einfach die Welt vergessen konnten, für einen kurzen Augenblick der Realität zu entfliehen. Don gilt als Erfinder zahlreicher Cocktails und viele davon auf Rum-Basis.

Trader Vic, geboren als Victor Jules Bergeron im Jahr 1902, öffnete 1934 sein erstes Restaurant, das Hinky Dink in Oakland. Es wurde immer erfolgreicher und nach und nach ausstaffiert mit Südsee-Inventar. Es wurde schon bald in Trader Vic’s umbenannt. Auch Trader Vic gilt als Erfinder verschiedenster polynesisch angehauchter Cocktails.

Beide waren zeitlebens messerscharfe Konkurrenten.

Prä-Tiki ist die Zeit vor der großen Heimkehrwelle von 1945 durch die Soldaten der westlichen Welt.

Aber wieder zurück zu den Heimkehrenden: Die Krieger hatten also die polynesische Kultur kennengelernt, mit all den Symboliken, der Lebensweise und der Musik. Gleichzeitig gingen Hollywood-Größen in den Beachcomber, der auch für zahlreiche Filmkulissen genutzt wurde, und wenn nur als Vorbild für gebaute Barkulissen. Das alles löste eine große Welle von Neugründungen vieler Restaurants in Californien aus, die sich alle auf das Erfolgsmodell durch Trader Vic und Don the Beachcomber auf die Fahne geschrieben hatten, diese Welle zog sich durch die gesamte USA, begünstigt durch die heimgekehrten GI’s. Denn diese sehnten sich nach den kulinarischen Genüssen, die sie während ihrer Einsätze kennengelernt hatten, so dass  die Welle auf sehr fruchtbaren Boden stieß.

Parallel zu dieser Entwicklung gab es die publizistische Forschung eines Thor Heyerdahls, der 1947 mit seinem Boot Kon-Tiki bewies, das die Besiedlung Polynesiens auch mit primitiven Mitteln möglich war. Außerdem kam noch hinzu, das der paradiesische Inbegriff eben in der Natur und in der Lebensweise Polynesiens unter dem Eindruck eines Weltkriegs gesehen wurde. Polynesien galt als das real gewordene Paradies.

how-to-build-a-tiki-bar-step-9Diese Welle weitete sich immer weiter aus und prägte einen eigenen Kunstzweig: der polynesische Pop ward geboren. Diese Kunstrichtung wurde in die Wohnzimmer der Fünfziger und Sechsziger Jahre sowohl durch die Musik als auch die Filme gebracht. Möbel aus Rattan waren chic, ein gewisser Elvis Presley sang von Hawaii und zeigte in seinen Filmen das Leben im Südpazifik. Die polynesischen Restaurants wetteiferten mit vielen Einfällen, wie man noch pompöser Speisen und Drinks unter die Leute brachte und zwar nicht nur für die oberen Zehntausend, sondern auch für die Mittelschicht und die obere Unterschicht. Als typisches Hochzeitsgeschenk der Sechsziger jahre galt dann auch ein Cocktailshaker. Die Wohnzimmermöbel enthielten eine kleine Bar.

Der Cocktail war also nicht länger nur etwas für die Gentleman-Clubs dieser Welt, er war unter das Volk gekommen. Hier jedoch waren die Cocktails, die durch die Tiki-Restaurants verkauft wurden, die Drinks, die den Namen Cocktail in die Welt hinausschrien. Und hier liegt auch der Ursprung, warum der Begriff “Cocktail” mit der Rangliste zu Anfang des Artikels übereinstimmt.

Die Welle lief dann Anfang der Siebziger-Jahre in den USA aus.

Was ist denn jetzt ein Tiki-Drink?
Grob genommen ist ein Tiki-Drink also ein Drink aus dieser Ära, aber es gibt keinerlei Definition. Die meisten “Fancies” unserer Zeit sind ebenfalls “Tiki”, stammen aber nicht unbedingt aus der genannten Zeit. Also sind Tiki-Cocktails keine Cocktailklasse, sondern eine Beschreibung einer Epoche zwischen 1945 und 1970.

Die Renaissance der Tiki-Kultur begann vor einigen Jahren, grob rund um das Jahr 2000, als die System-Restaurants wie Pilze aus dem Boden schossen. Die System-Restaurants benötigten Drinks, die sich schnell und nach Möglichkeit von gering oder gar nicht vorgebildeten Barpersonal herstellen ließen. Klassische Cocktails waren dafür eher ungeeignet, denn allein die  Herstellung stellt schon einen höheren Zeitaufwand dar, einmal abgesehen von Vorkenntnissen und Ausbildung des Personals. Der Cocktail wurde zur Massenware, damit ging einher ein Verlust von Authentizität des Cocktails und oftmals auch von Wertschätzung gegenüber dem Beruf des Bartenders.

Tiki-Cocktails werden immer gefragter, der Gast wünscht es so, und der findige und vorgebildete Bartender forscht und sucht nach den Ursprüngen dieser Drinks, nach Originalen, die nicht durch günstigere und verfügbarere Waren um den tatsächlichen Genuß gebracht worden sind. Niemand sagt jedoch, das die Drinks unter diversen Substitutionen nicht schmecken würden oder nicht zu Genuß führen, sie sind nur anders, eine Variation.

Und so kommt es auch, das immer mehr Bartender sich des Themas Tiki annehmen und es weiter verbreiten, so wird der Trendsetter Bartender zum Trendfolger durch den Gast. Eine Befruchtung des Cocktailgeschehens weltweit findet vom Gast aus statt. Und warum auch nicht, folgen wir Bartender doch dem Wunsch des Gastes. Und wünscht der Gast eine Pina Colada, so bekommt er sie auch. Doch wie die Pina Colada dann hergestellt wird, liegt wieder im Machtbereich des Bartenders.

Dabei läßt sich sagen, das auch ein Teil der Systemgastronomie Wert darauf legt, zwar schnelle Cocktails zumachen, aber auch eben Nahe am Original, oder wie böse Zungen sagen “nix Gepanschtes”. Die Kette Sausalitos sei hier erwähnt.

Wir dürfen dabei eins nicht vergessen: Der Gast ist König, auch wenn er König eines Eilandes der Südsee sein möchte.

Quellen:

  • Mixology, Ausgabe 6, 2004
  • The Book of Tiki, Sven A. Kirsten, Taschen Verlag, 2003

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  1. Trends 2011? | drinkblog Says:

    [...] man im allgemeinen einen Zeitraum und eine Stilrichtung in den 50er und 60er Jahren, doch in dem Artikel hier finden Sie noch mehr zu dem Thema. Mit dem Thema Tiki wird auch das Thema Rum zwangsläufig weiter vorangetrieben. Neben dem [...]

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